Stille Post
Als Gerhardt eines Sonntag Nachmittags mit seinem treuen Gefährten Fridolin – ein stattlicher Beagle loyaler Selbstlosigkeit – spazieren ging, machte er im Dickicht des Waldes eine seltsame Entdeckung. Auf einer kleinen Schatulle, die sehr sehr alt zu sein schien, war auf einem verrosteten Schildchen die Gravur eines alten Schriftzuges zu erkennen: „meyner g’treuen Welt als letzten Gruß“ stand krakelig in das Metall geritzt. Normalerweise war es nicht Gerhardts Art, Dinge, die ihm offensichtlich weder gehörten noch etwas angingen, an sich zu nehmen, doch auch Fridolin war dermaßen aufgeregt, dass sein Herrchen beschloss, der Sache auf den Zahn zu fühlen.
Zu Hause angekommen – Gerhardt hatte entgegen seiner Gewohnheit und Überzeugung eine Abkürzung über den Fluss genommen, denn er war einfach zu aufgeregt – schlich er sich gleich in die Laube, ließ nach mehreren Minuten des Jaulens auch Fridolin hinein und stellte die Schatulle, welche einer Autobatterie gleich schwerer war als sie aussah, wie eine Trophäe auf die Werkbank. Es wäre ein Leichtes gewesen, die kleinen Holzfassungen mit einem spitzen Gegenstand zu durchbrechen, doch Gerhardt fühlte, dass seine kindliche, abenteuerlustige Ungeduld dem sachlichen Wissenschaftsgeist in ihm – den er von Berufswegen her habitualisiert hatte – würde Platz machen müssen. Ein wenig verheißungsvoll zog er die muffige Gardine zu, ganz so, als würde man ihn von der alten Birke her bespitzeln wollen, und setzte sich mit einer Tasse kalten Tees, den er am Morgen beim Reparieren des Rasenmähers zu trinken gedacht hatte, auf den alten Ohrensessel gegenüber der Werkbank. Fridolin legte sich ein wenig gelangweilt mit geradezu vorwurfsvollem Blick ob der demonstrativen Gelassenheit seines Herrchens zu seinen Füßen nieder. Sogleich begann es in Gerhardts Kopfe zu spuken: zwar konnte die antrainierte Regungslosigkeit gegenüber jeder Form von Leidenschaft, Spaß oder Neuigkeit einige Minuten lang den Entdecker in ihm fesseln, doch in Gedanken sah sich Gerhardt schon Schatzkarten aus Pergament ausrollen, klimperende Juwelen in den Händen haltend, Holzbeine feilend und Papageien zur Schweigsamkeit auffordernd. Was, wenn in dem Kästchen etwas Gefährliches war? Vielleicht Plutonium, welches die Russen im kalten Krieg hatten verstecken wollen? Pockenviren, Milzbrand, exotische Springspinnen, die einem das Gehirn durch die Nase ziehen? Gerhardt besann sich auf seine gottgegebene Vernunft und bewegte sich kühl und konzentriert auf das Kistchen zu, als er plötzlich erschrak: „Gerd, kommst du? Die Kartoffeln sind gut. Tüftelst du etwa wieder?“ rief ein zaghaftes Stimmchen von der Veranda hinüber, Fridolin hob sogleich den faltigen Schädel und blickte hungrig in Richtung Garten. Als Gerhardt seinen Schrecken verdaut hatte, stellte er die Truhe vorsichtig unter die Bank und hastete zu seiner Gattin Magdalena, welche den ganzen Garten in eine wohlduftende Paradiesbucht aus gekochten Kartoffeln, gebratenem Schinken und Bechamelsoße verwandelt hatte.
Erst am späten Abend fand Gerhardt die Ruhe wieder, seinem Schatz das Geheimnis, diesen unbändigen Reiz zu entlocken und schlich sich unter dem Vorwand, den Laubbläser reinigen zu wollen, zurück in seine Hütte, dabei immer dicht gefolgt von Fridolin. Es war bereits dunkel geworden, nur die alte Öllampe im Innern der Laube warf grelle Streifen durch die Spalten der Holzplanken, von drinnen waren leise Schritte und eine klappernde Werkzeugkiste zu vernehmen. Dieses Mal war Gerhardt entschlossener – beinahe schon wieder kindlich – und schritt mit dem Schraubenzieher in der Hand, den er wie ein Messer hielt, auf die Truhe zu, bohrte das Metall irgendwo zwischen Deckel und Schatulle und hebelte daran herum, dass es nur so knackte und splitterte. Fridolin flogen kleine, morsche Holzstückchen um die schlaffen Segelohren, der blickte ein wenig verwirrt zu seinem Herrchen hinauf und hielt inne, als der ganze Holzblock samt Inhalt durch die Luft sprang und vor Fridolins Schnauze landete. Gerhardt erschrak ebenfalls, war zugleich darum bemüht, den Lärm wieder gut zu machen, indem er hastig Ordnung zu schaffen versuchte – doch Gerhardt verstand nicht, dass man Lärm nicht ungeschehen machen kann – und ignorierte vorerst seinen Schatz auf dem Boden. Fridolin schnupperte ein paar Mal neugierig an dem Holzhaufen, der nun direkt vor ihm lag, verlor dann aber schnell das Interesse daran und schloss die Augen.
Nun ist zu dieser Geschichte zu sagen, dass Gerhardt ein ganz und gar angepasster Mensch war. Er akzeptierte die Weltordnung, die er vorfand, als er geboren wurde, er arbeitete den Menschen zu, von denen es hieß, es wäre besser, auf sie zu hören, er machte einen großen Bogen um jene Türchen in der Schrankwand der Großeltern, die zu öffnen ihm verboten worden waren. Viele Jahrzehnte lang hatte Gerhardt solide Arbeit im Dienste der Post getan, war einmal zu spät im Lager erschienen, weil er seinen von einem Auto angefahrenen Neffen Simon ins Krankenhaus gefahren hatte und war besonders stolz darauf, nach 25 Jahren Dienst zum Abteilungsleiter des Zentrallagers der Stadt Dresden ernannt worden zu sein. Kurzum: Gerhardt war es gewohnt, die Dinge nicht zu hinterfragen, hatte gelernt, große und kleine, schwere und leichte Pakete, sahen sie noch so geheimnis- und wertvoll aus, sachlich korrekt zu ihrem Bestimmungsort weiterzuleiten. Und wäre Gerhardt nicht Jahre später von einem jungen, studierten Nachwuchsmanager aus Alters- und Gesundheitsgründen entlassen worden, was heftige Wutausbrüche und eine langjährige Therapie nach sich zog, so hätte er sich vielleicht auch in diesem Moment den Tugenden der Deutschen Post verpflichtet gefühlt und den eigentlichen Empfänger der Schatulle ermitteln wollen. Doch Gerhardt sah in diesem Fund vielmehr etwas Schicksalhaftes, eine Gelegenheit, den Dolchstoß seiner Arbeitgeber – wie er es oft vor seinen Kegelfreunden genannt hatte – durch ein letztes Verneinen des Postgeheimnisses zu rächen, zugleich war sich Gerhardt nicht sicher, ob ein vergrabenes, scheinbar längst vergessenes Stück Sendung wie dieses überhaupt unter die modernen Gesetze von Eigentum und Recht fällt. Und wenn ja, war nicht auch er Teil der „g’treuen Welt“? War nicht sogar gerade er, der sein Leben lang nichts anderes tat als hundsloyal willkürlich aufgestellten Regeln Folge zu leisten, als Zahnrad dieser „treuen Welt“ zu bezeichnen?
Was auch immer Gerhardt an jenem Abend in der Gartenlaube seines Grundstückes am Rande Dresdens offenbarte, es war Anlass genug, dass er nie wieder ein Wort darüber verlor, was er früher getan hatte, er beklagte sich nicht mehr über das Unrecht, das ihm wiederfuhr, ließ Weltgeschehen im Negativen und Positiven stillschweigend gewähren. Seine Angehörigen wunderten sich zwar über die stoische Ruhe, die Gerhardt von jenem Tag an ausstrahlte, glaubten, er hätte die Therapie nicht überstanden, wäre vollends einem Trauma verfallen, doch Gerhardt und Fridolin wussten es besser, denn sie waren nun mit der Welt im Reinen.
Mai 22, 2009 um 10:38
Ein erleuchteter Beagle. Das macht dann mit Snoopy zwei.
Interessante Gedanken.
Mai 29, 2009 um 12:18
Eine Schatulle voll seelischer Ruhe… wahrhaft ein wertvoller Fund.