Sonntagsgedanken

Nicht selten stehe ich am Fenster und frage mich, ob es Sinn macht, am Fenster zu stehen und sich Fragen zu stellen. In der Küche gibt es viel zu tun, Essensreste überall; Glasscherben, weil jemand zu heftig angestoßen hat; im Bad ein stechender Duft, weil jemand zu heftig aufgestoßen hat. Im Innenhof spielt die Nachbarstochter. Wieso eigentlich denken? Wozu eigentlich fragen? Das Leben geht auch so weiter. Ich denke an die Evolutionslehre aus dem Bio-Unterricht, die Blödheit sortiere sich von allein aus. Zumindest auf den Bäumen. Aber da gibts auch keine Sozialstaaten. Oder wie läuft das in einem Ameisenstaat? Gibt’s da Hartz-IV? Die Küche wird nicht sauberer vom Denken. Das Bad lässt sich nicht frisch fragen. Fegen und denken geht auch schlecht, dabei geht immer etwas zu Bruch. Irgendwo knallt eine Tür. Vielleicht vom Wind, vielleicht aus Zorn, vielleicht war es aber auch eine Mülltonne. Denken Ameisen? Wissen sie, wofür sie das was-weiß-ich-wieviel-fache ihres Körpergewichtes tragen – und das bis zu ihrem Tod? Oder sind Ameisen geborene Kommunisten? Alles für die Gemeinschaft? Alles für die Katz’. Der Kühlschrank surrt, als wolle er sagen, dass er sich leer fühlt. Wozu eigentlich Mensch sein? Um aus Agglomerationen von Insekten Ameisensozialstaaten zu machen? Ich will kein Tier sein. Es würde mich schmerzen, im Zoo zu sitzen und mir die verzweifelten Seelen von Kleinstkindern und deren affigen monkey_invaderBegleitern ansehen zu müssen. Was denken Tiere über Menschen? Prosten sich Pflanzen zu, wenn es regnet? Empfinden Tiere es als unangenehm, wenn sie kotzen? Schämen sich Affen für ihre menschliche Verwandtschaft? Im Innenhof passiert nichts. Nicht einmal das Nachbarskind macht Blödsinn. Ich öffne das Fenster, um klarer denken zu können, doch stattdessen: Wind. Eine Zeitung auf dem Sims flattert zu Boden, irgendwo klirrt Metall, kurze Zeit später ein Fenster, das sich selbst schließt. Im Innenhof liegt ein Husky, der meinem Nachbarn gehorcht. Wem gehorcht er? Gott? Der Werbung? Marx? Seiner Erziehung? Die Küche muss aufgeräumt werden, das Bad ebenfalls. Doch je länger ich die Unordnung ertrage, desto erträglicher wird sie. Räumen Primaten ihren Wald auf? Gibt’s im Ameisenstaat Innenhöfe? Falls ja, spielen dort Kinder? Wer wird Königin? Und wo ist überhaupt der König? Affen haben es ja auch nicht besser, die hängen in den Bäumen und warten aufs Ende der Menschheit. Selbst der Fußboden im Bad klebt, die Badewanne hat Schrammen und Kerben von gekühlten Bierflaschen. Affen mögen Termiten am Stiel, das weiß ich. Der Hunger bestimmt unseren Speiseplan, nicht andersherum. Menschen essen Menschen. Warum auch nicht? Man muss ja niemanden dafür töten, täglich sterben viele Leute. Man wird blöd vom vielen Denken. Für alles gibt es ein Wort – und wenn das nicht mehr reicht, erfinden wir uns neue Dinge, für die wir uns Wörter ausdenken können. Draußen auf der Fensterbank läuft eine einzige Ameise, ich lasse sie herein. Die Küche ist dreckig, aber ich räume nicht auf.

2 Antworten zu “Sonntagsgedanken”

  1. Titel und Anfang passen klasse zur Geschichte.

  2. lumelumelum Sagt:

    göttlich….

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