Glückszahl X
Bernhard mochte Zahlen. Er jonglierte mit ihnen wie manch Clown mit Bällen oder ein Pfandleiher mit der Not Anderer. Er zählte die Zeit, die er benötigte, um Zähne zu putzen, um von der Haustür zum Bahnhof zu gelangen, um eine Portion Spinat zu verdrücken oder manchmal zählte Bernhard auch einfach so die Sekunden, Minuten und Stunden bis zur nächsten Sekunde/Minute/Stunde. Darüber hinaus zählte er gern die Male, die der Nachbar die Toilettenspülung betätigt, die Schritte des Postboten auf der anderen Straßenseite, die Stücke einer Karotte, die in seinem Salat landen. Kurzum:
Bernhard zählte beinahe alles. Nachdem er sich der metrisch und numerisch einfach zu erfassenden Objekte und Sachverhalte bemächtigte, machte er sich an moderne statistische Verfahren, um auch die Unsichtbaren Wunder des Lebens begreifen zu können, doch hierbei stieß er auf ein Problem: Schritte, Autos, Minuten zu zählen, waren ihm immer leicht von der Hand gegangen und so logisch wie trivial. Mathematisch korrekt, wie Bernhard nun einmal war, versuchte er immer, das ganze Wesen eines Untersuchungsgegenstandes zu erfassen. Als Bernhard eines Tages darüber nachdachte, das Glück zu quantifizieren, wurde er ganz wild und umtriebig, denn die Idee, ein Gefühl mit dem Netz der Algebra zu erhaschen, entzückte ihn wie es die Entdeckung eines neuen Sternsystems mit einem Astrophysiker tun würde. Sogleich machte er sich daran, alles verfügbare wissenschaftliche Werkzeug zu beschaffen, um der Zahl des Glücks schon bald beizukommen. Nach Wochen der Theorienbildung und einigen Unternehmungen, Indikatoren und Variablen für das Glück zu bestimmen, setzte sich Bernhard erschöpft auf seine Terrasse mit Waldblick. Zwar hatte er einige mühsam zusammengetragenen Tabellen mit der Anzahl, der Dauer des Lächelns einiger Passanten, eine Menge Angaben über die Zufriedenheit und das eigene
Glücksempfinden von Befragten, doch nach zahllosen Beobachtungen und Interviews war Bernhard nicht nur die Formel des Glücks, sondern auch das Glück und die Freude selbst ferner als je zuvor. Waren Zahlen und noch mehr Zahlen bis zu diesem Tage immer ein paradiesischer Garten für ihn gewesen, ein Hain in den er sich flüchten konnte, wenn er die Komplexität des Lebens über seinen Kopf zu steigen glaubte, so waren ihm all die Nummern, Bruchstriche, Klammern und Platzhalter fortan nicht mehr Freund, sondern vielmehr Ursprung einer an ihm nagenden Unzufriedenheit und Unlust, welche in eine tiefe Depression mündeten. Aus Bernhard wurde ein kümmerliches Wesen, das Zahlen mied wie ein Hase den Fuchsbau. Eines Morgens im Februar wunderte sich die Welt darüber, dass beinahe überall in der näheren Umgebung Bernhards für die Menschen unverständliche Kreuze zu finden waren: An Häuserwänden, auf Bäumen, auf Gehwegen, Brücken, Wiesen, an allen erdenklichen Orten und Gegenständen befanden sich gesprühte und gemalte Kreuze. Von Bernhard selbst fehlte jedoch jede Spur.
März 3, 2009 um 6:34
War die Zahl des Glücks nicht Zwei?
Obwohl ein guter Freund von mir das anders sieht.
Der macht in Orgien.