Luftwurzelschloss
Heiko war ein Mensch, bei dem man, wenn man ihn besuchte, nie wusste, ob er gerade ein- oder auszog. Das Chaos in seiner Wohnung verlagerte sich zwar hin und wieder von der Küche ins Wohnzimmer, vom Schlafzimmer auf den Hausflur/Balkon, aber irgendwie fühlte man sich stets wie eine der Topfpflanzen, von denen man nicht weiß, wo man sie hinstellen soll. Die vielen Kartons ließen auf noch mehr Unrat schließen, doch ragten aus den halb geöffneten Pappen immer nur wunderlich interessante Dinge empor: Vodoo-Masken; Instrumente, die sowohl Sportgerät als auch Küchenzubehör sein konnten; bunte Stoffe, noch buntere Postkarten aus aller Welt, orientalisches Teegeschirr, seltene Schallplatten. Wenn man Heiko fragte, wie’s so voranginge, hörte man meist ein “… joah, langsam wird’s.” Vielleicht hatte er Recht, ich war zu selten zu Gast, als dass ich eine Ab- oder Zunahme der Immobilienanarchie hätte bemerken können. Da
Heiko nach seinem Studium der Islamwissenschaften keinen Job fand, trieb er sich viel in der Gegend herum, engagierte sich für vielerlei Zeugs, von dem ich nichts verstand und schien durch das planlos-umtriebige Herumtollen seinem Vagabundendasein zu fröhnen. Ich verstand, dass er keinen Wert auf abgestaubte Regale, frisch duftende Badezimmer und begehbare Teppiche legte, doch verstehe ich bis heute nicht, wie sich ein Mensch wie er, der nur selten zu Hause anzutreffen war, soviel Krempel aneignen und dann nicht mal benutzen konnte. Bis auf die Kaffeemaschine, ein paar Scheiben Brot, einem Schluck Milch, dem Sofa und seinem Schlafsack schien er nichts von all dem zu gebrauchen. Einmal fragte ihn ein Freund, ob er denn noch etwas davon aussortieren wolle, woraufhin Heiko nur antwortete: “Ach nee, wenn, dann gebe ich alles weg…” Ganz oder garnicht also. Naja, Heiko war schon irgendwie besonders. Weshalb ich all das erzähle? Eben klingelte die Polizei an meiner Tür und befragte mich nach ihm, er sei seit acht Wochen nicht mehr gesichtet worden. Seine Wohnung habe eine Freundin aufbrechen lassen, alles war wie immer, kalter Kaffe hätte auf einem kleinen Beistelltisch gestanden, jemand hätte versucht, die Kartons auszupacken, das Bett zusammenzuschrauben, das Geschirr in Küchenschränke einzuräumen. Keinerlei Hinweise auf den Verbleib von Heiko. Natürlich wusste ich sofort Bescheid: Heiko hatte das Telefonkabelverlegen satt, er war des Herumräumens müde geworden und hatte sich entschlossen, irgendwo ein sinnvolleres Leben zu führen. Ich sehe die Beamten an und schweige. “Keine Ahnung, vielleicht ist er im Urlaub” sage ich und schlage meinem Gewissen ein Schnippchen.