Sport + x = ?

Es herrscht Bürgerkrieg. Oder zumindest sowas Ähnliches: Was ein Medienrummel(platz) aus einem zwar interessanten und multilateral ansprechenden Sportereignis machen kann, sieht (oder zumindest: hört) man derzeit auf den Straßen europäischer Groß- und Kleinstädte. Angesteckt von der medialen Fußballinvasion feiert jeder seine Nation mit Flagge und Krach, mit Farben und Parolen, allerdings ohne (oder zumindest nicht überwiegend mit) Militärhaarschnitt und Völkermord. Mir wird klar: Sport ist die moderne Kriegsführung, zumindest in Europa, und genauso wird sich auch benommen. Man Fans2kann nachts nicht schlafen, weil “unsere” siegreiche Fußballnation laut hupend bis spät in die Nacht gröhlt und johlt, wie im Wahn steigert sich eine überschwengliche Euphorie zum Turm von Babel, am nächsten Tag ist alles ruhig. Die wenigen Opfer dieses exorbitanten Nationenwahns erkenne ich am gebeutelten Nervenkostüm: Sportive Antipatrioten kriechen auf dem Zahnfleisch, überstrapaziert bis zum Faserriss. Nur die kleinen Fähnchen kündigen bereits das nächste Auflaufspektakel opportunistischer Sportnationalisten an, doch niemand verschanzt sich. Niemand kauft Dosenfutter für die nächsten Monate, kalter Krieg auf Probe. Was ich mich frage: Woher der Irrsinn? Was ich beobachte: Es sind weniger die alltäglichen Punks der Gesellschaft, die ihre Nationalität propagierend durchs Gelände ziehen, vielmehr scheinen es gelangweilte und angepasste Bürger sein, die beim Vorrundensieg den Eintagskarneval einläuten. Sport als Ventil aufgestauter Frustration? Längst bekannt. Aber zuschauenderweise, bzw. ausrastenderweise? Fraglich. Andererseits dämmert mir: Oft scheinen es die politisch unscheinbaren Nationen zu sein, die ihre Vorherrschaft auf grünem Rasen auf die Straße tragen. Punkt halb elf hört man sie hupen, ich stelle meine Uhr. Dabei hat Benzin bekanntlich Konjunktur (O-Ton Weltbürger: “Ausbeute!”; “Ausgleichende Gerechtigkeit” denke ich), man trifft sich halt auf ‘ne Runde FansNationenlustbarkeit im Familienkombi, kreist ein paar Stunden durch die Stadt bis auch das letzte Volkshupen verstummt. “Wir (bitte Nationalität eintragen) haben gewonnen!” höre ich jemanden rufen. “Wir sind Papst!” höre ich mich denken. Und frage mich: Die Europameisterschaft in Zeiten der europäischen Verfassung als Schumans Albtraum? Was ich vermute: Je mehr EU, desto mehr inneres Nationalbewusstsein und dessen Auslebung. Ich schüttle den Kopf. Der nationale Lärm ist vorerst vorbei, nur die fernen Kriegstrommeln künden bereits vom nächsten Zusammenrücken ethnischer Gruppierungen. Ich schüttle den Kopf: totaler Realitätsverlust im großen Stil. Na dann: Wohl bekomm’s!

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