Schwanengesang
Ein muffelndes Hotelzimmer im ersten Stock, nebenan hört man die Fliegen sterben, draußen vor dem Fenster pokert ein Betrunkener mit einem Taxifahrer ums Bezahlen. Einsatz: das Recht auf körperliche Unversehrtheit. Blecherne Tonnen brüllen aus den engen Seitengassen, auf dem Flur ertönt teuflisches Gelächter, ein paar stolpernde Schritte, ein Fall von Wolke Cuarenta Y Tres. Der Wasserhahn läuft: der letzte Hinweis einer Schnitzeljagd. Nur ohne Schnitzel. Was mich nicht stört, da Pflanzenfresser! Und ohnehin! Ein leichtes Flattern der weißen Gardine trägt Motorenölgeruch mit
sich, die Heizung tropft und tropft und tropft. Ab und zu ein leises Knarren. Ein Knarren wie von frischen Holzböden, leise und dennoch merklich. Ein Auto passiert die Straße, die Diskussion am Taxi verstummt kurz, ein dumpfer Schlag, das Zuschlagen einer Autotür, quietschende Reifen, dann andächtiges Schweigen. Für kurze Zeit ist es ruhig, Totenstille. Dann: ab und zu ein leises Knarren. Ein Knarren wie von Kleiderschranktüren im Sommer. Schlüsselrasseln auf dem Flur, jemand hustet, ein Poltern. Schatten blicken unter der Tür hervor, verschwinden wieder, wollen nur nach dem Rechten sehen. Das Schließen einer Tür, Stille. Nur ab und zu ein leises Knarren. Ein Knarren wie von Sargdeckeln, die man in den Rahmen geklopft hat. Der Fernseher läuft, was ich sehe: einen Indianerfilm. Ohne Ton. Stumm beschießt man sich, es fliegen Pfeile, Köpfe, Pferde springen durch die Luft. Ausgerechnet ein Indianerfilm! Immerhin: man verträgt sich, Barbecue statt Marterpfahl. Blödsinn, denke ich. Dann verschwindet das Bild, es wendet sich ab. Was ich sehe: ein Bett, einen Koffer, zerstreute Kleidung, leere Bierflaschen auf dem Nachttisch. Ein umgekippter Stuhl. Die Lüftung im Bad springt an, summt ein letztes Lied, verstummt. Stille. Nur ab und zu ein leises Knarren.
Juni 9, 2008 um 6:15
Ein Gruß nach 15.06, deiner Wartenummer in dem Seelenfänger der Vorhölle.
Wann es vorbei ist, man weiß es nie, bis dahin nur;
Ein leises Knarren.
Gruß vom Unbewaffneten