Stammtischsoziologie

Die soziale Ordnung ist das wohl wichtigste Gut einer jeden Regierung/Diktatur/Unternehmensleitung/Großveranstaltung/Unterstufe. Um diese einzuhalten, bedarf es einer umfassenden Prägung des ungestutzten Nachwuchses, eines mit eiserner Feder durchgreifenden Bürokratentums und einigen konformen Bürgern, die gewillt sind, all dem Blödsinn zu folgen, ihn nach Möglichkeit sogar zu leben. Während es in den meisten sozialen Situationen nun relativ starre und klar definierte Normen gibt, bilden die wenigen Grauzonen des sozialen Konsens ein mächtiges Bollwerk, das jeden imperialistischen Herrscher im Gemäuer seines Shrimpsschlosses erzittern lässt. Ich beschreibe diese Fälle anhand des sog. „Apotheken-Supermarkt-Phänomens“ (vgl.: ich): Während die soziale GemüseregalOrdnung in Supermärkten zumeist so bewahrt bleibt, dass im Falle einer allzu langen Warteschlange an der Kasse (Definition des Wortes „lang“ liegt im Ermessen der verantwortlichen Kassiererin, zumeist sich nicht deckend mit der Ansicht des Konsumenten) bedarfsweise Verstärkung gerufen wird („multideckmagreth 2 an depotdaniela 1: bitte kommen…“) und sich die Warteschlange je nach körperlicher Konstitution mehr oder weniger zufällig zwei-/drei-/vier-/fünfteilt, sieht die Sache in der Apotheke anders aus: die ebenfalls meist nebeneinander angebrachten Kassen“schalter“ nehmen immer den nächsten in EINER Warteschlange an die Reihe (wie bei der Post/Bahn/Organspende) und unterbinden somit den Tumult am Wickrachendrachen™-Regal. Diese doch irgendwie irreführende Regelung führt nicht selten zu Meinungsverschiedenheiten oder Massenschlägereien. Während sich der eine im Supermarkt eher wie in einem Amt fühlt („… dürfte ich mal in ihren Rucksack sehen?“), definiert sich der freie Martkwirtschaftler und selbstbestimmte Konsument hinter einem die Situation frei nach sozialdarwinistischen Richtlinien und springt, einem jungen Rehkitz gleich, im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe, sobald sich die Jagdgelegenheit ergibt. Derartig auslegbare Situationen bilden zwar nur einige Sehnen der Achillesferse des modernen Staates, doch unterschätzen sollte man sie nicht. Wozu Konsumenten, die sich den allgemein gültigen Grundrechten des Marktes ausgeschlossen fühlen, imstande sind, merkt man nicht nur im Hochsommer an wenig klimatisierten Supermarktkassen. Nicht umsonst haben wir Hobbes’ Hirngespinst den Leviathan gelesen, ihn dämonenartig aufs Abstellgleis großer humanistischer ApothekenkonsumErkenntnisse verbannt, der auf Gewalt verzichtende Konsument fordert rigoros seine Rechte ein, nicht nur (oder vor allem) beim Kauf von Nasenspülkännchen. Die Aufregung ist nicht unerheblich, reicht sie doch nicht aus, einen ewig mächtigen Wixer vom Thron zu zerren: Gestatten, Großmeister Gewohntheit. Primäre Sozialisation, John Wayne als Idol, Auflehnung, Hinnahme der Rechtsdiebe an Supermarktkassen, Dritter Weltkrieg, das volle Programm. Natürlich wären Edekavollzugsbeamte ein wenig unangebracht (weil: kein Amt, sondern Supermarkt, daher kein staatliches Hochheitsgebiet; außerdem: man schießt nicht mit Erbsen auf Drachen), ein vollautomatisches Schleussystem wäre dennoch effektiv. Nummern ziehen? Ebenfalls zu amtlich. Androhung negativer Sanktionen? Welche denn? Keine Paybackpunkte als sozialer Denkzettel? Kassenbonaushändigungsverweigerung zwecks schleichender Hypothekenstiftung? Wohl kaum. Bleibt uns wohl nichts, als die Situation immer wieder aufs Neue zu definieren (unökonomisch).

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