Lebenskomik

Peter war einsam. Seine Eltern waren lange tot, seine letzte Freundin lag einige Jahre zurück und auch der geerbte Dackel seiner Tante Daniela war längst verstorben. Wenn Peter sich nicht der vom Vater übernommenen Modellflugzeugsammlung hingab, schrieb er Briefe an imaginäre Freunde, namentlich Siggi. Siggi war ein weißrussischer Internatsschüler aus Minsk, hatte kurzgeschorenes Haar und liebte Kampfsportfilme. Während Peter ihm die demokratische Kultur näher brachte, übernahm er im Gegenzug Stück für Stück Siggis autodidaktisch angeeigneten Kampfkünste. Natürlich erzählte Peter niemandem von seinem geheimen Freund, wem denn auch? Der Stuhl gegenüber war so leer wie der Briefkasten, so leer wie Peters Magen. Dennoch fand einer der Briefe seinen Weg auf unerklärliche Weise auf den Gemeinschaftstisch im Innenhof, wo sich die Jugend laut lachend über die sorgsam verfassten Zeilen Peters belustigte. Doch die Freundschaft zu Siggi war nicht sein einziges Geheimnis. Peter lebte in einer Plattenbausiedlung im Osten der Republik, umgeben von rötlich-braunen Steinriesen und Betonwüsten, die als Park- und Spielplatzsubstitute herhalten mussten. Die Siedlung galt vor allem der günstigen Unterbringung von jungen Familien und verwitweten Rentnern, ständig gab es Kindergeburtstage und Bestattungen. Diesen demographisch besonderen Umstand machte sich Peter eines Tages zu Nutze, um sowohl der Tristesse dieser zivilisatorischen Müllhalde Einhalt zu gebieten, als auch seinem eigenen Verfall durch eine Sinngebung entgegenzuwirken. Peter arbeitete als Clown, ehrenamtlich, versteht sich. Meist wurde er telefonisch von dankbaren Müttern benachrichtigt, wo er wann aufzutauchen habe – und Peter freute sich jede Woche aufs Neue darauf. Bei den Kindern war er ebenso bekannt wie beliebt, man lud den fröhlichen Kasper stets an den Geburtstagstisch ein, die gerührten Mütter und spöttischen Väter versorgten ihn hingegen mit Kaffee. Die überwiegend drei- bis siebenjährigen Kinder der Siedlung nannten ihn “Koko”, behandelten ihn immer respektvoll, manchmal geradezu ehrfürchtig.

ClownEines Tages trug man Peter auf, eine Horde rauflustiger Buben zu erheitern, wie immer sattelte er sich für das Spektakel: kroch in das gelbe, rot gesprenkelte Kostüm, schlüpfte in die übergroßen Latschen, zog den Wasserschlauch der Taschenblume durch den Gürtel, schminkte das Gesicht weiß und schwarz, zog den Hut auf. Peter bediente sich oft der Flucht- und Rettungspläne, die im ganzen Wohnkomplex aushingen, um sich der Geburtstagsgesellschaft überraschend und unbemerkt nähern zu können. Seinen Weg gefunden, machte sich Peter auf den Weg, als er kurz vor dem Erreichen der Wohnung einer Gruppe Raufbolde in einem schmalen Zwischenflur begegnete. Zunächst glaubte Peter, sich souverän als komischer Fußgänger behaupten zu können, doch stahl man ihm schon bald die Nase, zog ihm die Schuhe aus, zerrte an den orangenen Nudelhaaren und schubste ihn umher. Immer noch freundlich um Gnade bittend fiel er plötzlich zu Boden, woraufhin sich die Streithammel sogleich um ihn herum formierten: “Du bist ja garkein Clown!” rief der offensichtliche Anführer der Bande. “Genau, du bist der blöde Verlierer mit der dicken Brille!” schrie ein Anderer. Nachdem jeder der Jungen seinen Frust entladen hatte, blieb nur Peter zurück, der mit zerlaufenem Gesicht an der Flurwand kauerte und weinte. Von Koko, Siggi und Peter sah und hörte man seitdem nie wieder etwas.

Eine Antwort zu “Lebenskomik”

  1. Traurig, aber schön zu lesen.

    Schönen Gruß
    Rosemarie

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