Bärenhunger

Moskau – Florenz, knapp viereinhalb Stunden Flugzeit, schlechtes Essen und noch schlechtere Filme gratis. Vom Film verstand ich nicht viel, da russisch, andererseits: egal, lief eh nur Mickey Mouse und ein Werbefilm für die Türkei! Türkei? Wieso Türkei? Jedenfalls ist es in Ankara schöner, als die billig produzierten Einstellungen ahnen lassen. An Bord stinkt es nach einer Mischung aus Schlaf und Angstschweiß, wir reisen mit einem Rudel Flugangstbewältigender, erbärmlich, Flugzeugfensterzweifellos, aber amüsant! Allesamt Italiener, die meisten fett und unbeholfen, bis auf eine. Sie ist keine Frage des Geschmacks, sie gefällt einem Mann einfach. Wie sie dasitzt, raucht, dasitzt, liest, dasitzt, schläft, aufwacht, lächelt. Ich liebe sie. Zwar nur viereinhalb Stunden, doch das reicht mir. Ich ordere einen weiteren Wodka (das einzig hochwertige Nahrungsmittel an Bord), nage an einer Zitrone, es geht mir gut. Der Mief ist vergessen – wir segeln sorglos dahin. Was mir auffiel: die beiden blonden Stewardessen mochten sich nicht, waren geradezu bissig, aber immer zu einem Scheißlächeln aufgelegt – wunderbar! Hinter mir ein schnarchender Russe, breit wie ein Ochse, neben ihm ein wenig bedrängt: eine Deutsche, Mitte fünfzig, angewidert blickt sie aus dem Fenster. Dabei war ja eh nichts zu sehen außer Wolken, Tragflächen, mehr Wolken. Man fragt mich nach irgendwelchen Wünschen, „Ja!“ rufe ich und kaufe einen aufblasbaren Bären für meinen Neffen in Florenz. Luftmatratzen in Bärenform? Wieso das? Wieso keine aufblasbare Schreibtischplatte? Wenig niedlich. Oder ein Erdmännchen? Naja, das wäre vielleicht zu klein und dünn, dennoch: ich bezahle, schlürfe meinen Wodka und klemme mir den Bären unter den Arm (oder er nahm mich auf den Arm). Nach einer Weile muss ich grinsen, weil ich mir blöd vorkomme, mit so einem aufblasbaren Bären im Anschlag, dann sehe ich den Flur hinab und sehe eine alte Dame, die mit ihrem Adoptivbären auch nicht besser aussieht. Beruhigt schlafe ich ein.

Wodka„Please fasten your seatbelt now, Mister!“ schallt es mir in die Träume, ich erwache. Eine der Blondinen beugt sich über meinen Wodka, berührt mich dabei an der Schulter und erzählt mir etwas von einer Zwischenlandung in München. München? Nee, oder? Dann lieber abstürzen! Aber nicht über München! Die Dame mit dem anderen Bären beschwert sich, er hätte nicht die Farbe wie im Katalogheftchen, man ist empört. Skeptisch mustere ich auch meinen Bären, tatsächlich: für einen Braunbären ist er ganz schön blass! Ich entdecke ein Datum: 1981, „Naja, ist halt ein ausgewachsener Bär!“ überzeuge ich mich, sei’s drum. Der Wodka brennt mir im trockenen Hals, die Wolkendecke ist verschwunden. Auch die Schlafdecken werden wieder eingesammelt, ich verstecke meine schnell unter dem Bären. Als die Servicedame vorbei ist, verstecke ich den Bären unter der Decke, sein Blick gefällt mir nicht, er blickt irgendwie belustigt. Belustigt wovon? Von seinem Kauf? Mag sein, würde ich zumindest tun. Mich totlachen! Außerdem: Andere kaufen Zigaretten, wie unsinnig! Oder Parfüm, was für ein Blödsinn! Dann lieber einen schwimmenden Bären! Nach einer Weile möchte ich ihn am liebsten sofort auspacken und ausprobieren, wie er sich so macht im Wasser. „Zumindest fängt der keine Lachse!“ denk’ ich mir, ich hasse Fisch. Landeanflug. Der Wodka ist leer, ich will mehr, aber die Getränkewagen sind nirgends zu sehen. Die hübsche Italienerin aus der Selbsthilfegruppe nimmt neben mir Platz, zieht ihren Gurt fest, lächelt mich beruhigend an, als wenn ich Angst hätte! Angst! Wovor? Dann weiß ich, was sie meint: Sie redet lächelnd auf mich ein, redet und redet und hört nicht auf, zückt einen Zettel und schreibt kyrillische Buchstaben drauf. Kyrillisch? Doch keine Italienerin! Aber so schön wie eine! Was will sie? Ein russischer Passagier kommt vorbei und zwinkert mir zu, was ist los? Was ich verstehe: Zahlen! Eine Nummer? Telefonnummer? Sie spricht Russisch, ich verstehe kein Wort. Ich lächle, nicke, lächle. Verdammtes Russisch! Da sitzt sie neben mir und redet! Dann lieber einen verdammten Bären, der spricht immerhin kein Russisch.

TragflächeIch erinnere mich an schlechte Slapstickkomödien, die weniger deutlich waren als das, was da gerade passierte. Sie schaltet um auf gebrochenes Englisch, ich verstehe dennoch, was sie mir sagen will: Sie wäre zwei Tage in Florenz, sie hätte dort eine Freundin, bei der sie wohnen könne, usw. Ich wittere meine Chance, lasse das Testosteron aus dem Käfig: jaja, ich wäre ein toller Hecht (obwohl ich keinen Fisch mag!), Junggeselle, wäre geschäftlich unterwegs, Geschwafel vom Feinsten, doch dann: ihr sei kalt, sie hätte gern die Decke, ich willige ein – und dann: der Bär! Kurz darauf verschwindet sie „need to go to the lavatory!“ und kommt nicht wieder. Scheiße, dann lieber doch Zigaretten!

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