Anthropodizee Reloaded
Man muss ja kein Gläubiger sein, um sich vor irgendjemandem zu rechtfertigen. Manchmal reichen auch die Eltern, der Chef, zwei L-förmig positionierte Polizeibeamte, der Richter, irgendwer. Das parentale Tribunal stellt da sicherlich für die meisten von uns die erste Begegnung dar, die erste Berührung mit der Reflexion unseres Tuns. Man schießt klassischerweise eine Scheibe ein, schmeißt das gute Meißener Porzellan von Mutti runter, zertritt aus Versehen den Kanarienvogel der Großmutter, kotzt seine Abendration Spinat wieder aus, was auch immer. Man lernt, sich zu rechtfertigen. Vielleicht ist das wie Fahrradfahren: wer´s einmal kann, glaubt, es immer zu können, packt sich aber doch irgendwann wieder aufs Maul. Schlimmer als ein paar mit Dinosaurierpflastern versorgte Schürfwunden am Knie sind da schon die in den Jahren der Jugend nicht selten anstehenden Rechtfertigungen vor sich selbst. Diese Königsdisziplin des sich Zurechtbiegens und Rausredens will beherrscht sein, wusste schon mein Bekannter Ignaz, dem ich während der Renovierung seiner Bude einmal zu fragen verpflichtet war, weshalb er die Wände seiner Wohnung nicht vor dem Verlegen des Teppichs streiche. Soweit so gut, im Fall Ignaz begrenzte sich der (Sach-)Schaden auf weiß gesprenkelte, grüne
Auslegware (6,50€/m²), ich selbst muss mich derzeit nicht selten fragen, was ich eigentlich so den lieben langen Tag treibe. Grob umrissen könnte einer behaupten, ich würde mich am Leben erhalten, darüber hinaus geschieht aber auch nicht viel. Ein Anderer würde glatt meinen, ich hätte damit die lebenswichtigsten Funktionen als Bürger einer Agglomeration von Konsumenten erfüllt, doch weit gefehlt: wie mir erst kürzlich ein Rabe am Neckar zuflüsterte, besteht das Leben nicht darin, seine Pizzakartons feinsäuberlich gefaltet und artgerecht dem Papiermüll zugeführt, in den Kreislauf des grünen Punktes einzugliedern, nein, vielleicht schreibt mir die Moral mittels Zitronensaft noch ganz andere Arbeiten in mein Hausaufgabenheft des Lebens. Unser Speer ist dem Einkaufswagen gewichen, der Holzscheit dem Heizungsregler, unser Schweiß der Anpassung, im Grunde haben wir also nichts zu tun. Was also verlangt man von uns? Schnell könnte man meinen, mit dem Pflanzen eines Baums, mit dem Bau eines Hauses, dem Zeugen eines Kindes wäre alles getan, doch halte ich mich an einfache Prinzipien wie jenes, dort zu helfen, wo die Not am größten wütet, dann komme ich nicht umhin, terroristisch wie ich mich manchmal fühle, alle Erscheinungen vom Dosenöffner bis zum Nasenhaarschneider zu vernichten, mich mit meinen Mitmenschen in eine apokalyptisch anmutende vorindustrielle Welt zu katapultieren. Dann stünden wir da, vor dem Ground Zero der Bequemlichkeit, mit unseren leeren Händen und knurrenden Mägen. Das Spiel ginge von vorn los, irgendeiner erfindet das Rad neu, das Schicksal nimmt seinen Lauf. Um Bleeching-Zahncreme und automatische Einparkhilfen kommen wir also nicht herum. Was dann? Ach, da fällt es mir plötzlich wieder ein: Abwarten und (Eis-)Tee trinken, „alles wird schon irgendwie gut“ (Herkunft unbekannt).