Welch’ Theater! (Zweiter Teil)

Ort: Das Haus der Garovics, kurz nach der kirchlichen Trauung.

Personen: Vladimir Garovic, Pauline Garovic, Andreas Recher und ein Zimmermann

Pauline: „Ach herrje, Andreas, wo sind denn jetzt meine Halbschuhe? Ich muss in einer halben Stunde in der Stadt beim Herrn Gerold vorsprechen und bin schon jetzt ganz durch den Wind!“

Andreas: „Nun bleib’ ganz ruhig, Schatz, wo hast du die Schuhe zuletzt angehabt?“

Pauline: „Ach natürlich! Sie müssen im Garten sein!“

Pauline verlässt die Stube durch die Terrassentür. Vladimir Garovic sitzt im Sessel, raucht Pfeife und liest Zeitung. Andreas steht ein wenig unbeholfen herum und sieht aus dem Fenster zum Garten.

Vladimir: „Ein tolles Weib hast du da, nicht wahr? Sucht sich arbeitet, wenn das Feuer langsam ausgeht.“

Andreas: „Ich werde nächste Woche auch endlich arbeiten, ich versprech’s ihnen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es mir mein alter Herr so schwer machen würde…“

Vladimir: „Den Weg sucht man sich nach dem Schuhwerk aus, Andreas. Merk’ dir das.“

Andreas blickt nachdenklich zu ihm herüber, Vladimir senkt das Tagesblatt und pafft genüsslich seinen Tabak.

Vladimir: „Versteh’ mich nicht falsch, Andreas. Du bist schon eine Weile hier, isst fleißig an unserem Tisch, wäschst dich ausgiebig in unserer Wanne und räkelst dich ausgelassen auf unserem Diwan, aber tüchtig arbeiten sehe ich dich nie. Vielleicht solltest du wirklich mal im Hafen nach Arbeit suchen, da braucht man schließlich immer jemanden.“

Andreas: „Genau das hatte ich auch vor, Herr Garovic. Es ist nur nicht so leicht, wie ich gedacht habe…“

Vladimir (überlegen): „Fürwahr, es scheint immer alles schwerer, als man denkt. Dabei ist es oft leichter, als man glaubt.“

Andreas: „Ich werde gleich morgen hinunterfahren und dem Hafenmeister meine Arbeitskraft anbieten.“

Vladimir: „Tu’ das. Und vergiss nicht, wieder eines von meinen Bieren mitzunehmen, das scheint dir ja immerhin gut zu schmecken.“

Andreas (beschämt): „Herr Gar…“

Pauline eilt herein, verabschiedet sich bei den Herren mit einem Kuss und verschwindet auf der anderen Seite. Draußen hört man sie die Fahrradklingel schellen. Andreas schleicht sich durch die Hintertür in den Garten. Kurze Zeit später klopft es an der Haustüre, der alte Vladimir steht nach einiger Zeit widerwillig auf und öffnet.

Zimmermann: „Guten Tag, der Herr! Ich bin ein Zimmermann auf der Durchreise und bitte um eine schlichte Kost in ihrem Hause.“

Vladimir (prüfend): „Zimmermann, was? Na was sie nicht sagen. Sagen sie mal, welches Holz empfehlen sie mir für meinen Dachstuhl?“

Zimmermann (überrannt): „Nun ja, das kommt ganz auf das Dachwerk an, werter Herr. Liegt das Gebälk frei und ungeschützt im Regen, würde ich ihnen Lärche empfehlen, das trotzt jedem Wetter und ist sehr zäh. Innen würde ich ihnen hingegen zur Eiche raten, das macht optisch was her und ist ebenso massiv wie resistent gegen Feuchtigkeit aus der Erde.“

Vladimir: „Kommen sie rein, ich wollte mich nur vergewissern, dass sie ein echter Handwerker sind. Schließlich treiben sich diese Tage abscheuliche Gestalten im Tal herum, verzeihen sie mein Misstrauen.“

Zimmermann: „Wie Recht sie haben, werter Herr. Man kann einfach nicht vorsichtig genug sein.“

Vladimir öffnet die kleine Holztür und lässt den Zimmermann hinein, dieser setzt sich an den Küchentisch, während der Alte zwei Flaschen Bier aus der Vorratskammer holt. Eine Stunde vergeht, Andreas betritt den Raum wortlos durch die Haustür.

Zimmermann: „Ach, das muss ihr Sohn sein! Hallo, ich bin ein durchreis…“

Vladimir (höhnisch unterbrechend): „Nein, das ist meine Frau, sie hat hoffentlich Bier mitgebracht.“

Andreas und der Zimmermann sehen sich verwundert an. Vladimir lacht aus voller Kehle, dann erzwingt auch der Zimmermann ein Lächeln, Andreas steht wie festgenagelt im Raum.

Vladimir: „Nein, zwar nicht mein Weib, aber eine mindestens genauso folgenschwere Entscheidung.“

Wieder ertönt das beißende Gelächter Vladimirs im ganzen Haus, der Zimmermann blickt ein wenig hilflos zu Boden. Andreas verlässt den Raum durch die Haustür, der alte Vladimir holt zwei weitere Flaschen Bier.

Ort: Ein Pier im Hafen, die Sonne steht tief hinter einigen Unwetter verheißenden Wolkenzügen.

Personen: Pauline, Andreas, Kapitän Schinck

Andreas: „Du wirst schon sehen, bald werde ich genug Geld für eine kleine Stube im Osten der Stadt haben, da können wir dann beide wohnen. Es wird zwar kein Palast sein, aber genug, um zu leben. Wenn ich mit dem tumben Hafenmeister fertig werde, schaffen wir das auch noch.“

Pauline (unberührt): „Andreas, ganz egal, wohin wir ziehen, ich möchte, dass du mit meinem Vater auskommst. Er macht sich über dich lustig, weil du ihm faul erscheinst. Das wird sich aber ändern, jetzt, da du endlich Arbeit gefunden hast.“

Andreas: „Ach Täubchen, ich werd’ ihm ein Fass Bier vor die Haustür stellen, mich herzlich bei deinen Eltern bedanken und dann werde ich erst einmal froh sein, meine eigenen vier Wände zu haben. Der ganze Spott stinkt mir gewaltig. Ganz egal, wie arm jemand auch ist, man hat nicht das Recht, derartig ehrlos mit ihm umzugehen.“

Pauline: „Du hast ja Recht, aber du musst auch ihn verstehen. Er hat Jahrzehntelang als Tischler geschuftet, nie etwas geschenkt bekommen, immer für alles im Dreck kriechen müssen. Da ist es klar, dass er nicht verstehen kann, wie heute jemand ohne Arbeit sein kann.“

Andreas: „Das mag alles wahr sein, aber er tut so, als wäre ich ein Taugenichts. Manchmal glaube ich, er hat mich nur bei euch wohnen lassen, damit er etwas Schlechtes an mir finden kann.“

Pauline: „Sag das doch nicht. Er ist sehr eigen, das weiß ich ja, aber ein schlechter Mensch ist er nun auch nicht. Im Herbst werde ich zu dir ziehen, dann laden wir erst einmal deine Freunde ein, zum Dank für ihre Hilfe damals.“

Kapitän Schinck (vom Schiff hinüberbrüllend): „Bengel, sieh’ zu, dass de’ die Fässer auf den Kahn schaffst, vorher lass ich dich eh nicht nach Hause zu deiner Gloria. Solang’ mein Maat noch auf Landgang ist, musst du halt seinen Krempel mit erledigen, hörste?“

Pauline (lächelnd, ins Wasser blickend): „Na los, geh’ schon. Trag’ uns ein paar hübsche Möbel hinüber.“

Andreas gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und rennt zur Anlegestelle hin.

Fortsetzung folgt…

Eine Antwort schreiben