Dem Lügner den Tod

“Die Ozeane der Welt sind ein Sog voller Gefahren, todbringender Kreaturen und hinterlistiger Schlitzohren! Fahrt in den Pazifik und ihr findet ganze Inselgruppen voller Wilder, die seit Wochen nichts Richtiges zu essen mehr hatten und nur darauf warten, eine Besatzung abendländischer Missionare in den Kessel zu werfen. Fahrt in den Norden, dort warten bereits riesige Meeresungeheuer auf euch, die zwanzigmal größer sind als der majestätischste Fuhrwagen und mehr Zähne fletschen als ein ausgewachsenes Krokodil! Fahrt in den Atlantik und versinkt in den gnadenlos tödlichen Strömungen, die von Westen her nach Europa fließen! Fahrt gen Süden, wenn ihr in Dürre und Hitze dem Hunger erliegen wollt!”

sprach der Baron und fesselte das Gehör seiner Zuhörer und passierender Bürger.

Bucht“Doch ich, ja ich bin überall gewesen – und ich lebe noch so wahr ich hier stehe! Bin im Meer getrieben, ganze zwei Nächte lang ohne Hoffnung auf Rettung, eiskalt war das Wasser und unter mir schlichen bereits die hungrigen Haie! Den Wilden im Süden bin ich entkommen, gab doch keiner dort einen zivilisierten Laut von sich, womöglich hätten sie sogar ihre Kinder gefressen! Selbst einem selbst ernannten König im Osten bin ich entkommen – er wollte mich versklaven und auspeitschen lassen! Doch seht her, edle Bürger von Kherson, ich bin der Bezwinger der Weltmeere und verkünde die neuesten Erkenntnisse der royalen Wissenschaften! Ich habe Dinge gesehen, die ein Mensch nicht zu verstehen vermag, ich habe Ländereien bewohnt, die fernab jeder Vorstellungskraft blühen, ich habe Tiere gejagt, die hier zu Lande nicht einmal in Märchenbüchern Geltung finden!”

schallte es aus zutiefst edler, tiefer Stimme über den Pier und der Baron fügte sogleich hinzu:

Palmendwald“So hört her, Bettler, Bürger, Kaufleute und Aristokraten von Kherson, das Weltbild fügt sich neu zusammen, denn der menschliche Verstand wird seine Anschauung neu kartographieren, meinen Entdeckungen Rechnung tragen müssen! So hört her, wenn ich euch sage, dass in den fernen Weiten der Welt ein eisiges Land existiert, ganz errichtet aus gefrorenem Wasser! Hört her, wenn ich euch sage, dass ich Menschen sah, die groß waren wie Pferde und dunkel wie das Schwarzpulver! Hört her, wenn ich euch sage, dass ein Eiland im weiten Ozean vor Indien umhertreibt, das von einem Volk bewohnt wird, welches ganz und garnicht spricht und sich über die bloße Kraft der Gedanken verständigt, deren Frauen wallend weißes Haar haben und deren Kinder stark sind wie ein junger Ochse! Sie essen Meeresfrüchte, klettern auf Bäume und beherrschen die Kunst des Tauchens wie kein anderes Volk, sie haben die besten Waffen und führen dennoch niemals Krieg, haben keine Feinde als sich selbst!”

wusste der Baron weltmännisch und faszinierend zu berichten, woraufhin die Menge erschrak und unruhig wurde. Es brüllte und schrie, es begann zu schnaufen wie ein verärgertes Flusspferd und es dauerte nicht lang, da kamen einige Wachleute herbeigelaufen, um dem Verrückten das Mundwerk zu stopfen.

“All das klingt wahrhaftig unglaublich, da stimme ich zu, doch ich sah es mit eigenen Augen! Ich aß mit ihnen an endlos langen, weißen Stränden, fischte mit ihnen und schlief in ihren Hütten. Sie haben keinen Stammesführer, so war es mir nicht möglich, einen vernünftigen Handel mit ihnen zu treiben, ich wagte es nicht, um eine kriegstreibende, politische Bruderschaft zu bitten, wusste ich doch, dass dies ein ganz und gar friedliebendes Volk ist!”

Zwei lanzentragende Stadtwachen packten den Baron an den Armen und zerrten ihn von dem hölzernen Podest. Die Menge geriet außer sich, warf soeben eingekauftes Gemüse nach ihm und gab ihren Ärger über den ketzerische Unsinn lautstark zum Besten.

Der Baron jedoch lächelte und schwieg, wusste er doch, dass man ihn schon bald des Todes verurteilen und für immer vergessen würde.

Eine Antwort zu “Dem Lügner den Tod”

  1. Wort der Gegenwart Sagt:

    …,vergessen wie den Frieden, den er mit eigenen Augen sah.

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