Scham, wo bist du?

Was ist dir nur zugestoßen? Wir sorgen uns um dich, zu lange schon bist du fort. Traditionell bewahrtest du die Menschen davor, unsägliche Dummheiten zu begehen, die Hosen herunterzulassen, der Welt Details mitzuteilen, die keinen interessieren. Doch mehr und mehr scheinst du den Menschen zu Schamentschwinden – und an deiner Stelle fungiert ein übermächtiges Wesen, das unersättlich nach Aufmerksamkeit lechzt und dabei schon gern mal seine Seele verkauft. Zwar nicht direkt an den Leibhaftigen, dafür aber an eine seiner Zweigstellen im Rundfunk- und Fernsehmärtyrium. So unangenehm einem deine Erscheinung sein konnte, so hilfreich war sie auch: du warst voll von beschämtem Stolz, wenn man offensichtlichen Unfug verrichtete, du jagtest Peitschenhiebe durch die Luft, wenn man dumme Ideen hatte, doch in seinem Hinterkopf stets dich unbändigen Herrscher thronend wusste. Ich werde für dich missionierend in die weite Welt ziehen und alle verloren gegangenen Seelen an die Pracht deiner Werke erinnern, deine Rückkehr ist gewiss. Spätestens dann, wenn die Menschen einsehen, dass es sich mit heruntergelassenen Hosen nur schwerlich gegen Flugdinosaurier kämpfen lässt und sich die nackte Seele manchmal unansehnlicher zeigt als erhofft, dann wird man dir wieder Platz gewähren, liebe Scham.

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