Backblechmännchenblues

“Da ist es wieder: das Pochen, das Sterben, das Werden. Die metallenen Donnerschläge zerfetzen mir das Gehör und lassen mir das Blut in den Adern gefrieren. Paukenschläge, Autobomben, Chinakracher, Todesseufzer. Es lacht schallend. Es lacht mich aus, zeigt mit dem Finger auf mich. Ihr hört es knistern, flüstern, Essen machen.”

Topflappenlas die Klassenlehrerin und war wie paralysiert. Niemals hatte Max sie so überrascht, so schockiert. Der Aufsatz, der mit schmieriger Technik den Titel “Backblechmännchen” versehen bekommen hatte, lies Frau Gerricke den Tee vergessen. Max war der eher stille, behutsame, nicht ausgeschlossene, aber dennoch sich immer im Hintergrund haltende Prototyp eines Siebtklässlers, wie ihn Frau Gerricke schon oft während ihrer nunmehr zweiunddreißig jährigen Amtszeit im Schulwesen erlebt hatte. Kopfschüttelnd fuhr sie fort:

“Einmal waren meine Eltern übers Wochenende weggefahren und somit war ich allein in unserem Ferienhaus in Finnland, als das Uhrwerk so eben ein Uhr schlug und ich folgenden Dialog zu Ohren bekam:

Er bedarf einer Ruhe, du Unhold! Er zieht es vor zu verzichten – auf dein Gejodle, dein Kreischen, dein infernalisches Gebrüll im trauten Heim!

Ach herrje, ist es doch genuin so wahr ich hier spreche, es ist mir zu eigen wie meinem Gegenüber die seelische Grobschlächtigkeit!

KücheThor, du schweigst zu laut! erschrak es mich im Halbschlaf. Wieder pochte mein Herz, es verdorrte beinahe vor lauter Furcht vor der Bestie. Dem Schicksal unterwürfige Blicke suchten die Eieruhr am Arbeitsflächenrand. Eine andere Erfahrung, die ich persönlich bezüglich der Fortschritte des modernen Menschen nicht zu vermeiden vermochte, waren die namentlich väterlicherseits heraufbeschworenen Campingausflüge in den sommerlichen Schwarzwald…”

stach es in fetten, jungenhaften und dunkelblauen Tintenlettern aus dem Schulheft ihres Zöglings hervor. Nennbar beklemmt empfahl sich Frau Gerricke einen Schluck vom Kräutertee und befand es für besser, den Rest der Gemeinde bezüglich des sich in ihren Händen befindlichen Schatzes in Unkenntnis verweilen zu lassen, woraufhin man das wertvolle Recyclingpapier still und heimlich im Kommodendunkel, in ein zu Namenlosigkeit verdammtes Extrakt geistiger Zerflissenheit degradiert, sicher zu verwahren wusste.

( 2008 )

Eine Antwort zu “Backblechmännchenblues”

  1. Schön.
    Ein kleines bißchen spannend und ein wenig zu kurz, aber schön!

    Ich habe nur ein kurzes Märchen über das Geld in meinem Blog-Archiv, siehe http://hubschrauber.wordpress.com/2008/01/22/euro/

    Mein Beitrag zur amerikanisch-europäischen Freundschaft ist übrigens mein Hund vom Lake Michigan. http://hundeseite.wordpress.com

    Schönen Gruß
    Rosemarie

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