Amerikanisch-Europäische Freundschaft
Die US-amerikanischen Bürger, die man von Zeit zu Zeit so trifft, sind nicht selten erwähnenswert. Zumeist aus touristischen Gründen in Europa, zeigt man sich begeistert von deutscher Bratwurst, französischem Wein und niederländischem Gras. Man selbst ist erstaunt über die Reiseliteratur, die der gemeine US-Tourist mit sich trägt: Ein Sprachführer durch sämtliche europäische Länder, jedoch nicht zu dick, sodass jedem Land in etwa drei bis vier Seiten gewidmet sind. Ich werfe einen flüchtigen Blick in das Büchlein, finde wertvolle Phrasen wie “Entschuldigung, wie lange haben Sie noch geöffnet?” oder “Meine Kreditkarte wurde mir geklaut, ich benötige eine Polizeiwache.” Ein junges und sehr aufgeschlossenes Exemplar amerikanischer Neugierde scheute sich nicht, das gebrochene Deutsch zugleich im Praxistest auszuprobieren und ging mit der amerikanischen Variante von “Entschuldigung, wie spät ist es?” (”And-shool-dee-goong, v-spate-ist-as?”), die ich ihm auf die Rückseite seines Reiseführers für die Region Heidelberg geschrieben habe, sogleich zum nächsten, möglichst deutsch aussehenden Eingeborenen. Die Frau versteht ihn, er ist seelig.
Äußerst dankbar stellt man mir die Familie vor: die Schwester, eine 18-jährige Vollblutamerikanerin mit passendem “Heey, how are yoouu?” und die Mutter, eine Frau, wie sie im Kochbuche steht. Der Vater sei immer geschäftlich unterwegs, deshalb habe man sich mal diesen “Europe Trip” gegönnt. Vier bis fünf Tage bleibe man in jedem Land, ein paar Wochen seien sie schon unterwegs, jetzt ginge es nach Florenz. Nach nicht allzu langer Zeit versuche ich, die vor stiller Wissenheit lachenden Bestätigungen US-amerikanischer Klischees zu verdrängen, als der Junge einen immensen Schluck Cola trinkt und gleichzeitig nach den Baseballergebnissen in seinem Notebook sucht. Ich versuche, mir die Familie nicht in einer Sitcom auf Kabel 1 vorzustellen, doch es kommt anders: Eine kleine Meinungsverschiedenheit zwischen Mutter und Tochter führt zu folgendem Dialog:
“I told Jesse to take some with him, Mum!”
“He´s your brother, not your servant. So don´t complain about missing souvenirs, it was your fault.”
Ein wenig beschämt davon, dass ich alles zu verstehen schien, entgegnete die Teenagerin:
“Mum, I really don´t need that stuff. I have a bag full of european memories, so I won´t die because of that.”
Sehend, dass ich das Spektakel verfolgte, erklärt Jesse, der gerade meine E-Mail-Adresse in seinen Computer eingab: “Oh, these two ladies, argueing all the time…” und besänftigt die unruhige Szenerie mit einem Lächeln. Leider erfuhr ich nie, um welche Gegenstände es sich handelte. Ich brachte auch nicht genug Mut auf, um zu fragen. Kurz überlegte ich, ob ich dem traurigen Mädchen die letzte Flasche Holsten aus meinem Rucksack schenken sollte, quasi als substituierendes Germany-Mitbringsel, erinnerte mich dann aber an die amerikanische Gesetzgebung, die Möglichkeit einer christlich-fundamentalistischen Mutter und beschloss, das Bier selbst zu trinken. Man verabschiedete sich und ward nie wieder gesehen.
April 23, 2008 um 8:30
Wirklich so geschehen oder handelt es sich hierbei um ein lyrisches Ich ?
Ps. ein Holstenbier ist ein Holstenbier ist ein Holstenbier und kein Souvenir grüße aus Kiel
April 23, 2008 um 8:54
Teils, teils. (Basiert quasi auf einer wahren Begebenheit) x Hollywoodfaktor 11³ = Resultat. Solange ich es nicht als Beitrag eines Blogs mit seriösem, wahrheitsgemäßen Anspruch deklarieren muss, sudele ich mich nach wie vor im Schlammbad dieser fiktiv-nutzlosen Phantastereien. Und ja, Holstenbier ist Holstenbier ist Holstenbier ist Nabelschnur.