Weltuntergangsverstimmung

Es ist soweit. Heute morgen hat die Klimaerwärmung™ auch Mannheim erreicht. Die tropisch-schwüle Hitzedecke, die sich über die Stadt gelegt hat, lässt mich um Dekaden altern, wenn ich versuche, die zwei Stufen zu einer der Gebetsstätten der Gebrüder Albrecht zu besteigen. Schweiß durchnässt meine frisch gewaschene Neoprenhülle, ich fühle mich wie Blutwurst.

SonneIch rechne jeden Moment mit der Flut, gehe nicht mehr ohne Gummistiefel aus dem Haus. Wild um mich schlagend wehre ich jegliches fliegendes Insektenzeugs ab, denn wer weiß, vielleicht kamen mit der Hitzewelle auch die ersten Malariamücken in die klimatisch ansonsten so gemäßigten Gefilde Südwestdeutschlands. Im Supermarkt sehe ich nackte Heringe und wünsche mir, wie sie im Kühlfach zu liegen und allen meine bloße und wohl temperierte Nacktheit präsentieren zu können, denn ich wage es nicht, den Strom einzuschalten, weiß ich doch, dass mir jede Minute Playstation und jedes weitere, getoastete Brot nur noch mehr Krankheitserreger und nur noch mehr Kubikmeter Leichen heranschwemmenden Ozeanwassers bescheren wird. Ich wage es nicht, große Vorräte für die bevorstehende Apokalypse einzukaufen, weiß ich doch, dass dies die Umweltausbeutung, Mangrovenwaldrodungen und das kollektive Massensterben von Thunfischpizzatieren nur weiter vorantreiben wird.

Ich bin verzweifelt und suche bei den eingeborenen Kommilitonen Rat. Einer erzählt mir, dass er bislang wirklich enttäuscht sei vom Frühling, letztes Jahr hätte er sich um diese Zeit schon Berner Würstchen vom Grill schmecken lassen, seine Cousine aus Freiburg hätte Husten, das hätte sie sonst nie. Ein Anderer berichtet von der klimatisch besonderen Lage Mannheims zwischen Rhein und Neckar, das heize diese Gegend hier so auf. Ich solle mal auf den Sommer warten, da wäre es noch viel heißer.

Die Packung Eiswürfel, die mir in diesem Moment vom Herzen rutscht, schmilzt zwar immer noch vor sich hin, doch bin ich beruhigt, schmeiße die Gummistiefel aus dem fünfzehnten Stock und lass mir die klare Ventilatorenluft ums Gemüt wehen.

( 2008 )

2 Antworten zu “Weltuntergangsverstimmung”

  1. Wort der Gegenwart Sagt:

    Wind of change, or what?

  2. Giftig wie ein Skorpion und faul wie ein Mensch.
    Der Wind bläst
    und bläst
    und bläst
    und bläst ihm
    das Hirn raus.

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