Close to Revolution

Erst kürzlich befand ich mich in den wäscheweißen Gefilden des Waschsalons auf der anderen Straßenseite. Ein behaglicher Ort, wohnt in ihm doch die mütterliche Wärme dreißig Jahre alter Waschmaschinen und Wohlergehen spendender Wäschetrockner. Es war ein Ort der Ruhe, ein Ort genügsamen Schweigens, den stets eine intellektuelle Aura der Langeweile ausgelieferten Geselligkeit umgab. Der Malerlehrling, der zu später Stunde die Latzhose von den größten Farbflecken befreite, traf auf die warmherzige Großfamiliencleopatra, die wiederrum unendlich wertvolle Tipps für angehende Souveräne wie mich im Wäschekorb hatte.

Doch war es an diesem Montag Nachmittag nicht der Weichspüler einer Waschfee, der mein Gemüt erhellte, sondern eine zierliche Dame fortgeschrittenen Alters, die mich gastfreundlich polnisch in ihre Gesellschaft aufnahm, indem sie mir, meine offensichtliche Laienhaftigkeit in Fleisch und Blut ablesend, anerkennend zunickte, als ich den Salon der Reinheit betrat.

Maschine Nummer 12, drei Euro fünfzig, inklusive Waschmittel. Normalerweise. Zu meinem Erschrecken stelle ich fest, dass keiner der drei grün blickenden Automatenknöpfe gewillt war, mir das weiße Gold auszuhändigen. Ich kannte den Ablauf nur zu gut, umso größer war die folgende Orientierungslosigkeit durch die Unterbrechung dieses mittlerweile recht anständig einstudierten Skripts des Tuns. Als ich schließlich die großmütterliche Mitbürgerin um Hilfe bat, schien sie zugleich zu wissen, um welche Problematik es sich handelte und begann ihre Klage:

Das habe sie auch schon gemerkt, zum Glück aber habe sie immer eigenes Waschmittel dabei. Die Hälfte ihres Weichspülers wäre schon weg, was sie mir bewies, indem sie zu Maschine Nummer 3 & 4 huschte und das kleine, shampoogroße Fläschchen empor reckte. Immer stimme etwas nicht, wenn sie hier wäre, selbst das Wasser würde heute nicht richtig warm. Ich müsse mal die Hand ans Bullauge halten – “alles kalt”. Und auch der Trockner Nummer 18 funktioniere schon lange nicht mehr (”noch nie”).

All das gab mir zu denken. Was war, wenn sie Recht hatte? Was war, wenn ich jetzt kein Waschpulver bekäme?

“Gehen sie doch rüber, da ist jemand zuständig!” rief sie mir zu. Drüben angekommen versprach man mir hilfsbereit, jemanden zu schicken. Wenig erwartungsvoll setzte ich mich auf die gemütliche Holzbank vor der mit Dreck vollgestopften Maschine Nummer 12 und wandte ich mich wieder der Übungskursliteratur zu.

Die “Marxsche Klassentheorie” beschäftigte mich weniger als die alte Dame, die ihre Offenbarung fortsetzte:

salon02Die Wäschemangel hätte kürzlich noch weiter links gestanden, der Kaffeeautomat sei ganz neu (was auch mir nicht entgangen war), da hätte vorher eine Schleuder gestanden. Sie kenne eine Frau, die immer auf Maschine Nummer 2 setze, da diese noch nie ausgefallen wäre. Doch auch an dieser war an jenem Montag der Schriftzug zu vernehmen: “STOP” (ein signifikantes Symbol für das firme Klientel, das einen weiten Bogen um derartige Nichtsnutze zu machen pflegte).

Wieder durchzuckte mich eine Befürchtung. Was würde geschehen, wenn eines Tages keine der Maschinen mehr Wäsche waschen würde? Schließlich hatte es nun auch die allzeit verlässliche Nummer 2 erwischt. Mir wurde klar, dass ich kein Rookie des selbstständigen Lebens mehr war: die eisige Kälte der Eigenregie umwehte mein Gemüt, der steinige, außerfamiliäre Boden grollte mir die Tristesse des jungen Vagabundentums entgegen und die wohlige Schoßwärme der Maschinenabwärme verwandelte sich auf ernüchternde Weise zu einem Mief der Einsamkeit inmitten einer surreal wirkenden Welt außerhalb des parentalen Frühstückstisches.

Erst der hilfsbereite Junior des nebenan benachbarten Copy-Shops brachte die Hoffnung in zwei zwanzig Kilo schweren Kartons weißer Reinigungsenergie. Die Maschine wurde zwar auch bei sechzig Grad nicht wirklich warm, doch wieder einmal wurde im letzten Moment der Aufstand des Wäschemobs vereitelt und die Revolution entglitt der Menschheit in die weite Ferne der proletarischen Zufriedenheit, umgeben von Farbfernsehen und weißen Westen.

( 2008 )

3 Antworten zu “Close to Revolution”

  1. Wort der Gegenwart Sagt:

    60 revolutions per minute,
    this is my regular beat..

  2. Miguel Àlvarez Sagt:

    viva la waschmaschition

  3. Miguel, du sagst es. Und die Vorbeben des Umsturzes sind nicht nur im Waschsalon spürbar. Erst gestern wieder hörte man nur unweit des Waschsalons wieder die Parolen “Die Mauer muss weg!” und “Wir sind das Volk!”. Der Mob war drauf und dran, die frisch renovierten Wände des Werkhauses einzureißen, als man merkte, dass das mögliches Verschütten des Bieres dabei doch schwerer wog als die neue, potentiell bessere Ordnung. Ein Stückchen Revolutionsgeschichte haben meiner Meinung nach auch gestern die russisch singenden Gypsymusikanten im bereits erwähnten Werkhaus geschrieben: Der spiegelbebrillte und ordentlich uniformierte Drummer, der nach Angaben des Frontmannes irgendwas mit “The Police Department” zu tun gehabt hätte, die ebenso Sonnenbrillen tragenden und nicht minder alkoholisierten Bandgenossen machten selbst mich, nüchtern wie ich war, noch zu einer ganz tanzbaren Partyhyäne. Das Sofa, welches den von Wodkaflaschen und anderweitig berauschend wirkendem Fusel besiedelten Wohnzimmertisch umgab, war dabei nur eines der Elemente, die mir diesen Abend ein wenig wohliger und fernwärmer gestalteten. Schon mehr beeidruckten mich die fliegenden Fische und sauren Gürkchen, die zu später Stunde in regelmäßigen Intervallen ins Publikum sprangen und dabei nicht weit von mir ein Mädchen am Schädel trafen, welches dabei ungläubig und nicht minder verärgert fragte: “… war das gerade ´n Plastikfisch oder was?”. Nein dachte ich still und leise: Hier ist alles echt. Selbst der Fisch stinkt wie eh und je vom Kopfe her – und so kam es, dass die flugfreudigen Wassertierchen stattlicher Größe schon bald wieder zurück auf die Bühne hechteten, natürlich nur in guter Absicht, schließlich war man ständig darum besorgt, dass der Bassist keinen weiteren Kurzen mehr während seines eingängigen, aber dennoch äußerst animierenden Basspiels (das dritte “s” fehlt bewusst) vetragen können wird und mitsamt seines verschwitzten Unterhemdes die vorderste Front hüpfender Groupies kurz und klein zu fallen droht. Belustigt darüber, selbst hier in Mannheim randomisierterweise einen unfreiwilligen Fischkopp getroffen zu haben, floh ich nach Hause, um meinem Einkaufszettel für kommenden Montag sogleich den gemeinen Matjes hinzuzufügen.

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