Seelenfrieden
Wieder einmal war es der Verteidigungsminister, der mich im Laufe des fortschreitenden Rommé-Abends mit seinen Cousinen und Neffen mit seinem schallendem Gegrunze aus dem Schlaf riss. Dass der werte Herr Minister häufig und ausgiebig jene furchteinflößenden Spielenächte mit seinesgleichen veranstaltete, war dabei auch dem persischen Hausverwalter nicht entgangen, der, wie jedes Mal bei übermäßig kriegerischem Getöne aus Etage zweiunddreißig, mit seinem Holzbein auf dem teuren Marmor seines Küchenbodens herumzuschaben begann und dabei hörbar mit den Zähnen knirschte. Jene contra-meditative Geräuschkulisse vernahm auch das verrückte Ehepaar aus dem gegenüberliegenden Hause, das wie immer, wenn der Hausverwalter sich über den Herrn Verteidigungsminister aufregte, mit der alles übertönenden Orchester-Orgie eines Herrn Schubert herumlärmte und sich dabei nicht ganz gewaltfrei dem Schneiden von buntem Frühlingsgemüse hingab. Angeregt durch die Klänge des Herrn Schubert und das Poltern und Schluchzen einer sterbenden Ehefrau, der man die Kehle feinsäuberlich vom rechten zum linken Ohrring aufschnitt, fügte sich auch die Nichte meines Nachbarn in die exotische Akustik der Wohnanlage „Seelenfrieden“ ein, indem sie alle ihre sechzehn Känguruh-Babies vom Balkon im
Stockwerk Nummer einundvierzig warf. Doch als eines der sprunghaften Tiere geradewegs auf dem Attentäter aus dem Erdgeschoss landete, erboste man sich derart über das Ableben des Märtyrers, dass man sich im Plenum darauf einigte, bis zum Morgengrauen keine Minderheiten mehr willkürlich davon scheiden zu lassen – zumindest nicht ohne das ganze als offizielle Opfergabe zu zelebrieren.
Ich legte mich wieder in das Wasserbett, das ich in einer lustigen Stunde mit frischer Vollmilch gefüllt hatte und verfiel sogleich wieder diesem seltsamen Traum, in dem ich erfolgreich, gut gekleidet und weitaus größer war als die Unvernunft des modernen Menschen.
Ein skelettierter und mit bunten Federn bestückter Paradiesvogel krächzte mir schon aus weiter Ferne wundersame Dinge entgegen: „Gerald, das Spiel fängt gleich an!“ schrie es aus dem hellgrünen Nachthimmel, als mich mein Vetter Leonard weckte und der Superbowl sämtliche Waschmittelfrauen, Schokoriegelkinder, Rennfahrerväter und Bergsteigeropas ins vorübergehende Jenseits der Bildröhre und damit in die Untiefen meines Bewusstseins verdrängte.
(2007)
Dieser Eintrag wurde am März 29, 2008 um 6:12 erstellt und unter Eigene Geschichten mit Tags drama, kurzgeschichte, nachbarn, plattenbau, short story, superbowl, tagträumen, voyeurismus, werbung abgelegt. Du kannst die Antworten auf diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst antworten oder einen Trackback Deiner eigenen Seite veranlassen.