Korallenlyrik FM
Viele Stunden saß der Märtyrer in seinem Büro im siebenundneunzigsten Stockwerk und blickte aus der mit effektiven Mikroorganismen gebohnerten Glasfront gen Helsinki. Der vom Wind schaukelnde Balkon des Fensterputzers schien ihn nach all der Hektik des Papierzerschnipselns meditativ zu beruhigen.
Aufmerksam beobachtete er die kreisenden Armbewegungen des weißen Riesen, die durchtrainierten und vom Schweiß glänzenden Oberarme waren ebenso braun wie die Colaflecken auf seiner weißen Latzhose. Nachdem ihn der deplatzierte Adonis eines kurzen Blickes vom anderen Ufer würdigte, wurde der Märtyrer verlegen, nervös, war schließlich ganz und gar außer sich vor Scham und Tomatenröte zwischen seinem flauschigen, grau-schwarzen Gotteskriegerbart, der jüdischen Hakennase und der christlichen Gebetsmatte am Schädel und fing an, wie die Nichte eines befreundeten Scharfrichters zeitweilig an ihren Zöpfen spielend, an der Reißleine seines Bombengürtels herumzufuchteln. Als dann zu allem Überfluss auch noch die wodkafarbene und stark behaarte Geheimsekretärin einen Stapel Nougatflips hereinbrachte, geriet man völlig außer sich vor Aufregung. Da saß man jahrelang im siebenundneunzigsten Stockwerk in dieser uninteressanten Stadt hinter dem Fichtenwald und geriet trotz aller Mühe zur frommen Lebensweise in diese unangenehme Situation: Der Fensterputzer war von einem Windstoß und mittels Schwerkraft Richtung Asphalt befördert worden, die Nougatflips standen viel zu weit weg, um sie gierig zu verzehren, die nach Heizungskeller duftende Sekretärin trug zum wiederholten Male keine Hairextensions und auch der Bombengürtel zwickte an allen Ecken und Kanten seiner hageren Gestalt. Sein Lieblingsradiosender Korallenlyrik FM, im Kollegium der südlibanesischen Insektenarchivisten auch liebevoll „Dichtscheiße 109,3“ getauft, spielte soeben eine ganze Reihe monotoner und Brechreiz bewirkender Popsongs der Jahre 2043-48, der plastischen Ära der Musikgeschichte.
Jenes Gedankenpanorama und das auf Eisbärenbabywirkung getrimmte Emotionsgedudel des Radios ließen ihn eine harmonische Unzufriedenheit verspüren, wie er sie seit der Entdeckung eines geklauten Froschbeines seiner geerbten Sammlung damals in Ankara nicht mehr erlebt hatte. Betrübt durch Nonsens, beflügelt durch das Ableben des inneren Hundeschweins besann sich der Märtyrer eines Schlechteren und wollte gerade mit der Dateneingabe der Achselhaar-DNA sämtlicher Bewohner Brooklyns beginnen, als er die Schnüre der Jalousien der großen Fensterfront mit dem baumwollenen Gehänge seiner Jacke verwechselte und somit den sechsten Weltkrieg initiierte.
(2007)
März 30, 2008 um 5:24
SCHARFrichter
April 5, 2008 um 9:10
Ja danke, habs schon korrigiert. Schafrichter wären aber auch mal eine Geschichte wert. Vielleicht mache ich eine Art tierischer Sitcom im Amtsgericht, mit Schafgeschworenen, Schafstaatsanwälten, Schafrichtern. Und angeklagten Schäfern.
Danke,
Markus