Kanal Null
Wenn Heike sich mal wieder den Kopf darüber zerbrach, ob sie wirklich einen neuen Fahrradhelm bräuchte oder sich vor Verzweiflung die Fingernägel zerkaute, weil sie nicht wusste, ob sich die Investition in ein teures Maniküre-Set bezahlt machen würde, verlor sie all ihre Hoffnung. Nicht wissend, ob eine Lebensversicherung tatsächlich das Richtige für sie sei, verlies sie ihre Altbauwohnung durch das halboffene Fenster und stieg auf die barocke Brüstung im vierzehnten Stock. Heike war verwirrt. Eben noch suggerierte man ihr, versprach es ihr zu Zeiten auch, sie werde mit der neuartigen Saugtechnik eines Tampons ihre innere Schönheit betonen, wussten ihre Hände schon im nächsten Moment beim Abspülen nicht mehr, ob sie nun das Messer säubern oder gar den Spülschwamm hinterhältig erstechen sollte. Doch wie immer, wenn Heike nicht weiter wusste, wandte sie sich an Stefanie. Stefanie war lang und dürr, hatte Haare des Typs „Schnittlauch“ und besaß das ausgesprochen selten gewordene Talent, vier farblich und in ihren Mustern nicht komplementäre Textilien in einem imaginären modischen Mahnmal der Neunziger zu vereinen und durch unverzeihliche Kontinuität vehement, glaubhaft und beinahe aufrecht zu verteidigen. Leider lässt sich auch die Bemerkung nicht vermeiden, dass der übrige Teil Stefanies ebenso wenig ansehnlich und auf pervers-voyeuristische Art und Weise ein Blickfang für jeden Hitchcock-Fanatiker war.
Doch wenn es darum ging, enorme Sorgfalt und zeitaufwändige Eindringlichkeit während einer Erörterung der These, dass Waschmittel mit oxidativer Spülkraft das Preis-Leistungsverhältnis eines herkömmlichen Waschpulvers um Längen schlage, an den Tag zu legen, war Stefanie die erste Adresse, der Geheimtipp an der Themse, die rettende Hand für Menschen wie Heike. Heike telefonierte und diskutierte lange, konnte trotz Ende einer langen Schicht des Emureitens nicht richtig abschalten, da seit letzter Woche, besser gesagt seit dem Besuch ihres Leihsohnes Timmy und seiner Mutter Isabella De Grazière die Fernbedienung mitsamt der gläsernen Einbauküche und der im Ofen bräunenden Kefir-Bananen verschwunden war. Etwa zweieinhalb Dauerwerbesendungen später, die lilafarbenen Turmglocken schlugen soeben drei, war auch Heike klar, dass sie trotz aller Zweischneidigkeit farbfernsehenbeworbener Heiterkeit nicht um den Erwerb des vergoldeten Tintenfüllers des Typs „Adenauer“ im Stile der Sechziger herumkam, denn Heike war nun bereit, hinter ihrem früheren Leben einen Schlussstrich zu ziehen.
(2007)