Erinnerungen eines Kaktus
Es war Donnerstag. Ein Abend im November – so kalt und verdammend isoliert. Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, dass es wieder einmal so weit war, dass ich dem Unausweichlichen heute Nacht nicht werde entfliehen können, nein, heute Nacht würde es mich kriegen, unter diesem Firmament von berauschender Fernwärme würde es mich packen und zu geistigem Grabe ziehen. Der Wind war lange schlafen gegangen, ebenso die Berge und Wälder – ja sogar die hässlichen Quader, Würfel, Kreise, Kugeln, Rechtecke und Quadrate vergangener Bausünden schienen sich in ihre Höhle der immerwährenden Wissenschaft zurückgezogen zu haben. Kaum ein Licht war zu sehen, hier und dort vernahm man eine beleuchtete „Reklame auf Hauswand“; eine in gelben Lichtkegel getauchte Straßeneinmündung, in dem ein Stromkasten oder ein Zigarettenautomat thronte, vermochte in diesen Stunden des Übergangs von täglichem „gelebt haben“ und täglichem Aufstehen mit anschließendem Leben keinem Linienbus die peinliche Blöße nackten Metalls zu geben.
Schon lange war mein Ruhm vorbei, vergessen und etwas außer Form geraten stand ich kratzig, beißend ungepflegt im fünfzehnten Stock mit all den anderen Helden in Reih´ und Glied am Abgrund der Schönheit. Die jungen hübschen Damen links und rechts neben mir waren außerstande, mir ein Lächeln, einen Lebensfunken ins Gesicht zu zaubern, mir ein kurzes Aufleben der jugendlichen Gier nach unreif grünem Fleisch zu entlocken. Zu naiv sahen sie mich an, zu fröhlich unwissend ihre Gestalt und ihre Bewegungen, ja die schlanke Figur schrie geradezu nach Erfahrungsverlangen und kindlichem Spieltrieb. Jung und zart, frisch und lebendig räkelte sie sich am Abgrund, am tiefen Höllenschlund. Warme Wüstenwinde zogen oft aus ihm empor, rissen meine Bartstoppeln nach oben und zerrissen meine mit den Jahren empfindlich gewordene Haut mittels gieriger Feinstaubpartikel und trugen die Laute fremder Welten mit sich, berichteten von fernen Erden und holzigem Geschmack Freude und Trauer erregender Geschäftigkeit.
Die Sehnsucht nach alledem schlich sich mit den Jahren in meine Wurzeln, ließ sie bröckeln und mich flexibel werden – immer darauf bedacht, auszureißen und fortzufliegen. Mein Feudalherr war mit den Jahren ebenso nachlässig und unaufmerksam geworden und so kam es, dass sein Interesse mittlerweile eher dem Betrachten seltsamen Geflimmers im Fernsehgerät galt – und dabei weiß ich bis heute nicht, was er sich da stundenlang immerzu ansah. Zuerst war ich ein wenig traurig und deprimiert, dass er mir so wenig Aufmerksamkeit und Respekt zollte, hatten wir doch damals, im Jahre 1934, die schönste Zeit unseres Lebens, als wir trotz unserer verschiedenen Naturen im sommerlichen Sonnenuntergang und grauen Smogwolken tanzten und lachten. Dann aber vernahm ich das positive, ja vielleicht sogar das Positivste überhaupt daran: sein Desinteresse nahm mir die Angst vor Veränderung, denn letztlich ließ er mich dadurch gehen, nahm von mir Abschied und entschied sich für das trist wirkende Leben auf dem Sofa.
Ich wartete damals ein paar Wochen, gab ihm eine Chance, sich wieder dem Leben auf dem Balkon zuzuwenden, aber mit dem Herbst kam auch die Kälte, mit dem Winter der Tod, mit dem Frühling schied jegliche Hoffnung auf Besserung, auf einen blutfrischen Neuanfang, dahin. Die Tage verstrichen. Und mit ihnen die Angst.
Da stand ich dann, nein, ich hing sprichwörtlich am seidenen Faden einer anderen Pflanzenfaser, ein letzter Windstoß und es riss mich in die Tiefe. Der laue Wind erfrischte mein Gemüt wie nie zuvor, das Leben entsprang meinem Geiste wie ein juveniler Lachs dem Bache. Der dumpfe Aufprall wirbelte meine Gestalt auf dem Parkplatz umher, brach mir ein paar Arme ab und erstach meinen Leib mit den lang gewordenen Stacheln an meiner Haut. Alles war damals aufregend und neu, so unberührt und unschuldig. Der Schmerz steckte mir tief in den Wurzeln, doch wich auch dieses Gefühl bald wieder der Angst vor dem Wolltuch. Eine alte Dame nahm mich mit hoch in den ersten Stock, bettete mich zu ihren anderen Zöglingen in den Blumenkasten und bot mir einen Ausblick, nein, Anblick, den ich bereits kannte: Die Häuser, der Fernsehturm, der neblige Fluss im Morgendunst. Schon in jenem Moment drang es in mein Bewusstsein: das Gefühl, diese Ahnung, sich schon bald dem Fernweh nicht mehr erwehren zu können. Nur dieses Mal wusste ich, dass ich mein Ziel niemals erreichen werde.
( 2008 )
September 11, 2008 um 6:24
Hallo, auf der Suche nach Kakteenseiten bin ich hier gelandet und habe fasziniert diese Kurzgeschichte genoßen. Danke!