Eine drohende Phantasie

Ich betrat wieder einmal auf eine triste, aber dennoch im Kontext ihrer Umstände komische Weise die kleine Wohnlandschaft im fünften Stockwerk, im letzten Planquadrat einer zu seltsamer und gesellschaftlich heiterer Isolation verdammten Schichtung vereinsamter Seelen. Damals mochte ich die anmutig, wahrhaft riesig wirkenden Einbauschränke zu meiner Rechten, denn im kurzwinkligen Panorama zu Seiten der kleinen Wohnstube dahinter und dem kleinen, aber dennoch für meine Belange vollständig ausgestatteten Waschraum und selbstverständlich auch die nicht zu vergessen vermögende Fensterfront, die mir zu Beginn meiner Wohnverelendung regelrecht aufmunternd und als Lichtblick diente und als solche galt, bot sich dem Besucher ein freundlich schauendes Indiz zivilen Wohlstandes. Anlass dieser Geschichte ist das erstaunliche Zusammenspiel zwei von mir erlebter, unendliche weit geflohener, nur scheinbar kontroverser Gefühlszustände. Ebenso ist der Umstand, dass ich von dieser prägenden und in ebenbürtiger Weise phantastischen Geschichte zu berichten imstande bin, durchaus eine glückliche Wahrheit und ein noch größerer Zufall. Doch zurück zu meinem Bericht:
Besagte Fensterfront nahm die horizontale Hälfte des Blickfängers des zugleich als Schlafraum, Essraum, Gedankenzelt und Ort gesellschaftlicher Empfängnis dienenden Raums ein, bildete beinahe eine hier zur Vereinfachung der Erzählung als ein Sechstel der Wandflächen beschriebene Fläche des kubisch anmutenden Mietvolumens, in dem ich eine kurze Zeit meines Lebens zu verweilen vermochte. Durch das große glatte Glas durchfloss es mein Zimmer mit Licht und Wärme, allerdings auf ebenso brutale und rücksichtslose und beharrliche Selbstverständlichkeit mit Kälte, Angst und Todesgedanken.
Es war ein langer Tag gewesen und ich verrichte wie meist die selbe, nutzlose Tätigkeit des Rumsitzens und auf bessere Tage hoffende Aktivität des Nichttuns, eine passive Aktion im Gestrüpp bürokratischer Unwissenheit, begründet durch Ignoranz von Seiten einer zu endloser Komplikation neigender Menschenbevölkerung. Ich legte meine Sachen nieder, wagte einen scheuen Blick auf die ins Auge stechenden Flächen des Zimmers, suchte sie nach grobem Schmutz, einer undefinierbaren Angst vor Fremdlebewesen aller Art und nach dem Glück des Lebens ab. Nichts findend schaltete ich den Computer ein, um mich himmlisch-irdischer Musik zu ergötzen. […]
Hangin Guy Knappe zwei Stunden später sitze ich, den Blick und die Seele gen Westen gewandt, in einem der unbequemen, als „Mobiliar“ genannten Holzobjekte mittlerweile zu drittklassiger Existenz verrufenen Klasse, die mir auf unwillige Verhaltensweise Sitz gewähren. Das Gras zu meiner Linken und der in der Kälte des Märzbeginns dampfende Becher Tee in meiner Rechten boten in Kombination mit dem in seiner Göttlichkeit nicht auszudrücken möglichen Gestirnsfirmament einen Anblick des Glücks. Sicher, die Wochen davor gehörten nicht zu den von Zufriedenheit geprägten meines jungen Lebens, aber auch dieser Abend schien auf gewohntem Wege in Unwissenheit und Dünkel in der Einsamkeit der Nacht unterzugehen. Unterzugehen, um am nächsten Tage in weiterer, ignoranter Motivation in den Tag hineinzusuchen. […]
Ich fühlte, wie mein Körper der behaglichen Wärme meiner Wohneinheit entrissen wurde, sich mit orientierungsloser Bewusstseinsverlorenheit Richtung Boden näherte und sich die wohlige Kälte, jedoch beißender Wind um meinen Rücken legte, wie ein Aasgeier kreisend. Ein dumpfer Aufprall durchschießt für einen Bruchteil einer Sekunde mein Inneres, mein Äußeres, mein Herz, ein Meer aus Genen. Dann waren jegliche Gefühle fort. Kopfüber lag ich auf dem Rasen und starrte verschwommen ins beleuchtete Fenster im Erdgeschoss, und in diesem Fenster sah man nichts als eine für diese Gegenden üblichen Häkelgardinen weißlicher bis durchsichtig wirkender Gestalt und ein im Zentrum der Decke hängendes Gebilde, was man „Lampe“ zu benennen wusste. Ringsum die Dunkelheit und hellgrün leuchtender Rasen, den man nicht mehr riechen konnte, weil dies die letzten Atemzüge meines komischen Lebens sein sollten.
Mich ergriff der heftigste Ansturm zweifelsfrei großartiger Natur entstammenden Sicherheit, das Leben verstanden zu haben und die Gewissheit des Todes ließ mein weinendes Gesicht in meine zu einer Rinnschale aneinander gepressten Hände sinken. Und trotz allem schien diese Nacht keiner zeitlichen Begrenzung zu unterliegen.

(2007)

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