Die Farbe Leben

Er atmete auf. Es roch nach Natur, nach Blüten und nach der einer unerschöpflichen Quelle entsprungenen Frische der Freiheit. Der leichte Wind fuhr durch sein schulterlanges Haar, streichelte seine bärtige Gesichtshaut und ließ ihn seiner Machtlosigkeit gegenüber der unbegrenzten Schönheit der Welt bewusst werden.
Er sah sich um, sah die dunkle Erde zu seinen Füßen, durchzogen von heimischer Flora und verwischten Spuren menschlicher Existenz – er fühlte das Grün um sich herum, fühlte sich ihn ihm geborgen, beinahe zu Hause. Das Licht, welches sich mächtig in die Schatten der Bäume in die Tiefen des Waldes schob, wirkte überwältigend hell, wegweisend, Energie spendend schön. Jeder Schritt, den er tat, war ein Vordringen in seine eigene Neugier nach seiner wahren Herkunft. Die Suche nach ihm selbst trieb ihn von einem Ort zum nächsten, von den Städten in die Natur, aus den Bergen an die See und von West nach Ost.
Nach einiger Zeit des vorsichtigen Wanderns beschloss er, sich auf einem sehr alt aussehenden Baumstumpf niederzulassen. Erst jetzt bemerkte er, dass er keinen besseren Platz hätte finden können, um das gesamte Tal zu überblicken. Das Panorama aus einer saftigen Pflanzenwelt, hier und da durch blau schimmernde Quellbäche getrennt, die vom Wind bestimmten Flugbahnen einzelner Vögel, die weißen Lichtreflexionen der Sonne auf den Wogen des Meeres vollendeten diesen Anblick zu einem in seiner Harmonie nicht zu übertreffenden Ganzen.
Nach längerer Zeit eindringlichen Starrens auf diese wunderschöne Landschaft fiel ihm etwas Merkwürdiges ein. Er dachte an all die Menschen, die Blicke wie diese niemals in ihre Erinnerung werden aufnehmen können. Ihnen schien es versagt, die reichhaltige Fülle der Natur, ihre Perfektion und das mögliche Miteinander zwischen ihr und der Menschheit zu fühlen, zu erleben. Dieser Gedanke stimmte ihn traurig, war die allumfassende Gerechtigkeit doch immer einer seiner höchsten Werte gewesen – und nun saß er dort und genoss den Ausblick in die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft des AussichtLebens. In ihm sah er Vergangenes, er erinnerte sich an ihn prägende Ereignisse seines Lebens, dachte die eine oder andere für ihn wichtige Situation vielleicht nur kurz an, dennoch ließ er ihnen Raum in seinem komplizierten, unentwirrbaren Kopf. An jenem Flecken der Erde spürte er mehr als an den meisten anderen Orten der Erde den Moment an sich, das Jetzt, den Zustand seiner selbst und der Natur. Wenn er versuchte, die Sorgen, die das Denken so mit sich bringen, zu vergessen, so gelang es ihm trotz intensivster Bemühungen nicht. Wenn seine Sinne jedoch, beflügelt durch seine unbegreiflich vollkommene Umgebung, jenen Kummer um das Unbekannte im Morgen abzustellen wagten, dann existierte an jenem Ort nicht mehr als ein menschliches Geschöpf in den Armen seiner grünen, blauen, braunen, roten und in allen erdenklichen, prächtigen Farben, die das menschliche Auge zu vernehmen vermag, erscheinenden Schöpfer.
Dann kamen sie wieder. Der Oberaufseher der Strafkolonie, ein vollbärtiger, strenger Mann, dem man unter keinen Umständen in das bürokratische, vornehme Wort fallen würde, das Monokel zwischen sein von der stehenden Hitze verschwitztes Augenlid geklemmt, was mächtige Falten durch sein edles Gesicht zog – ein Gesicht, welches von einem Leben in disziplinierter Gehorsamkeit zeugte, von gebieterischer Autorität und gnadenloser Durchsetzung seines unumstößlichen Glaubens an das Gesetz. Begleitet wurde der einem Racheengel gleichende Diener seiner Überzeugung in Gestalt dieses Furcht erregenden Mannes von einigen Gefängnis-Wärtern, welche ihre Musketen über die Schulter hingen ließen, dies taten sie mit einer Eleganz, die sonst nur von edlen Aristokratinnen ausgeht. Dieser festlich aussehende Umzug einer marschierenden Meute, die sich, bis an die Zähne bewaffnet, durch den schmalen Trampelpfad zwischen Lianen und duftenden Blüten hindurchkämpfte, verwandelte sich in meiner Gegenwart zu einer besiegelten Botschaft. Ich war mir wohl bewusst, was mir nun bevorstand. Der bärtige Weise richtete noch einige, kurze Befehle an seine Untertanen, den Blick dabei ständig auf meine von Furcht erfüllten Augen gerichtet, als wolle er in meine Seele blicken, während es geschah. Mit strenger Miene gab er das Kommando. Das tat er, als wären seine Worte die Gerechtigkeit in Reinform, als gäbe es keine unanfechtbarere Instanz als seinen Glauben an die Vollstreckung der Gesetze. Ich blickte ein letztes Mal in die Schönheit der Welt. Und dann luden die Soldaten die Gewehre.

(2006)

2 Antworten zu “Die Farbe Leben”

  1. ok, falls es interessiert, mir sind folgende Dinge aufgefallen :
    Zeile 8 fühlte sich IN ihm geborgen?
    Zeile 17 ERST jetzt?
    Zeile 55 das menschliche AUGE?
    Zeile 65 Racheengel GLEICHENDE Diener?
    wüsste gern ob diese story von dir ist, sehr interessant
    einige Sätze musste ich allerdings 2-3x lesen um sie zu verstehen
    etwas weniger verschachtelte Sätze hätten mir besser gefallen
    aber die story als solche ist sehr gut

  2. shortstoryexchange Sagt:

    Ja, er fühlt(e) sich sozusagen in dem Grün geborgen, so altbacksch es auch klingen mag.

    ERST jetzt, genau. Sehr aufmerksam. (verbessert)

    Singular, exakt. (verbessert)

    Weg ist das N!

    Vielen Dank fürs aufmerksame Lesen,
    Markus

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