Berlin-Spandau
Erst kürzlich geschah es wieder, dass ich mich im Zuge einer Geistesabwesenheit in feiner und durchaus ziviler Gesellschaft in Gedanken verlor und eine Reise ins Reich meiner geistigen Mitte antrat. Die U-Bahn wurde bereits von einer breiten Reihe ungeduldiger Großstadtpendler erwartet, genervt sah man auf die Uhr, starrte die stupiden Werbeflächen hinter den Schienen an, drückte wie blöd auf dem Mobiltelefon herum. Eine Gruppe Jugendlicher gesellte sich zu mir, schubste und pöbelte sich durch die Gegend, lärmte umher und griff meine bis dahin
harmonische Einsamkeit des alltäglichen Wartens an. Doch dann war es soweit: Ein Dinosaurier immenser Größe kam die Rolltreppe herunter getorkelt und fraß zugleich die U-Bahn auf der anderen Seite auf. Als ihn die in rosa-weiß gestreifte Uniformen gesteckten Eliteeinheiten der Bahnhofsmission mit ihren GPS-Fliegenklatschen außer Gefecht setzen wollte, versteckte er sich klug und unscheinbar unter dem Flokati am Bahnsteig. Weniger graziös löste sich die bizarr anmutende Szene in erleichterter Ernüchterung auf: Die muskulösen Damen des Sicherheitspersonals setzten ihre Kreuzworträtsel-Rallye durch Berlin-Spandau fort, die wartenden Großstädter verschwanden mit ihren Köpfen wieder im dichten Grün ihrer mitgebrachten Gummibäume, einige aßen sich gegenseitig die Textilien von den Füßen, und ich… ich schüttelte kurz den Totenkopf und fand mich inmitten der U-Bahnstation zwischen vielen anderen verwirrten Gesichtern wieder.
(2007)